
Der Olivenöl Säuregehalt gibt an, wie viele freie Fettsäuren ein Öl enthält – gemessen in Gramm Ölsäure pro 100 Gramm Öl. Er ist kein Geschmackswert, sondern ein reiner Laborwert. Natives Olivenöl extra darf nach EU-Recht höchstens 0,8 g/100 g erreichen, natives Olivenöl bis 2,0 g/100 g; darüber gilt das Öl als Lampantöl und ist ohne Raffination nicht essbar. Ein sorgfältig verarbeitetes Öl liegt deutlich darunter, meist unter 0,3.
Ich bin Giuliano Conforti. Unsere Familie bewirtschaftet in San Giorgio Albanese in der Provinz Cosenza, in den Hügeln des Crati-Tals auf 250 bis 400 Metern Höhe, rund 25 Hektar Olivenhaine mit der kalabrischen Sorte Carolea. Jedes Jahr im November stellen mir Kundinnen und Kunden dieselbe Frage: Wie hoch ist der Säuregehalt Ihres Öls? Die Frage ist berechtigt – nur wird sie fast immer aus dem falschen Grund gestellt. Viele glauben, man könne den Olivenöl Säuregehalt schmecken. Das Kratzen im Hals, das ein frisch gepresstes Öl auslöst, stammt jedoch von den Polyphenolen. Es ist ein Qualitätsmerkmal, kein Fehler.
Auf dieser Seite erkläre ich Ihnen, was dieser Wert tatsächlich misst, welche Grenzwerte die EU vorschreibt, wie ein Labor ihn bestimmt und was im Hain und in der Mühle passieren muss, damit er niedrig bleibt. Ohne Marketing, mit den Zahlen, die wir selbst jedes Jahr messen lassen.
Was der Olivenöl Säuregehalt wirklich misst
Olivenöl besteht zu über 98 Prozent aus Triglyceriden: Molekülen aus einem Glycerin-Gerüst, an das drei Fettsäuren gebunden sind. Solange diese Struktur intakt bleibt, ist das Öl unversehrt. Greifen jedoch Enzyme wie Lipasen ein, oder Schimmel, Bakterien, Wärme und Sauerstoff, bricht die Bindung auf und einzelne Fettsäuren lösen sich. Sie bleiben frei im Öl zurück. Genau diese freien Fettsäuren zählt die Messung.
Angegeben wird der Wert in Ölsäure, weil Ölsäure mit Abstand die häufigste Fettsäure im Olivenöl ist – je nach Sorte und Jahrgang zwischen 55 und 83 Prozent. Unsere Carolea liegt mit 70 bis 75 Prozent im oberen Mittelfeld. Wenn also von einem Säuregehalt von 0,25 die Rede ist, bedeutet das: 0,25 Gramm freie Fettsäuren pro 100 Gramm Öl.
Wichtig ist die Blickrichtung. Der Olivenöl Säuregehalt beschreibt nicht, wie das Öl schmeckt, sondern wie die Oliven behandelt wurden, bevor sie unter die Mühle kamen. Er ist eine Momentaufnahme der Vergangenheit – und deshalb einer der ehrlichsten Werte, die ein Erzeuger vorlegen kann.
Warum man den Säuregehalt nicht schmecken kann
Das ist das hartnäckigste Missverständnis rund um Olivenöl. Freie Fettsäuren sind in den Konzentrationen, um die es hier geht, geruchs- und geschmacklos. Ein Öl mit 0,15 und eines mit 0,70 können sensorisch identisch wirken. Was Sie im Mund wahrnehmen – die Bitterkeit auf dem Zungengrund, die Schärfe im Rachen, der Hustenreiz nach einem Löffel frischem Öl – geht auf Polyphenole zurück, insbesondere auf Oleocanthal.
Wenn Ihnen jemand ein Öl als „mild, weil säurearm“ verkaufen will, verknüpft er zwei Dinge, die chemisch nichts miteinander zu tun haben. Umgekehrt gilt: Ein kratziges, bitteres Öl ist nicht „zu sauer“, sondern in der Regel polyphenolreich und damit länger haltbar.
Olivenöl Säuregehalt: die EU-Grenzwerte im Überblick
Die Einstufung von Olivenölen in der Europäischen Union stützt sich auf ein ganzes Bündel chemischer und sensorischer Kennzahlen. Die Grenzwerte für freie Fettsäuren sind in der Verordnung (EWG) Nr. 2568/91 über die Merkmale von Olivenölen festgelegt und seither mehrfach aktualisiert worden.
| Güteklasse | Freie Fettsäuren (g/100 g) | Was das bedeutet |
|---|---|---|
| Natives Olivenöl extra | max. 0,8 | Rein mechanisch gewonnen, keine sensorischen Fehler, positives Panel-Ergebnis |
| Natives Olivenöl | max. 2,0 | Ebenfalls mechanisch gewonnen, leichte sensorische Fehler zulässig |
| Lampantöl | über 2,0 | Nicht direkt genießbar, muss raffiniert werden |
| Olivenöl (raffiniert + nativ) | max. 1,0 | Verschnitt aus raffiniertem und nativem Öl |
Ein verbreiteter Denkfehler: Die 0,8 sind kein Ziel, sondern eine Obergrenze. Es ist die Schwelle, ab der ein Öl sich nicht mehr natives Olivenöl extra nennen darf. Ein Betrieb, der gesunde Oliven schnell verarbeitet, erreicht ohne Kunststücke Werte unter 0,3. Wenn ein deutscher Händler auf der Flasche „Säure max. 0,8 %“ schreibt, sagt er also nur, dass das Öl gerade eben die gesetzliche Mindestanforderung erfüllt.
Wie der Wert im Labor bestimmt wird
Die Bestimmung erfolgt durch Titration. Eine Ölprobe wird in einem Lösungsmittelgemisch gelöst, ein Indikator zugegeben und mit einer Lauge bekannter Konzentration bis zum Farbumschlag titriert. Aus der verbrauchten Menge errechnet man die freien Fettsäuren und rechnet sie in Prozent Ölsäure um. Die Analyse ist europaweit standardisiert, schnell und kostet in einem akkreditierten Labor nur wenige Dutzend Euro pro Probe.
Wir lassen sie bei jeder relevanten Partie durchführen, nicht einmal im Jahr fürs Zertifikat an der Wand. Der Grund ist praktisch: Ein erhöhter Olivenöl Säuregehalt ist ein Frühwarnsystem. Weicht ein Los nach oben ab, weiß ich sofort, wo ich suchen muss – Oliven, die zu lange in der Kiste standen, eine Partie nach Regen geerntet, eine Verzögerung vor der Mühle.
Ein Detail, das oft übersehen wird: Die chemische Analyse allein macht ein Öl noch nicht zu nativem Olivenöl extra. Dazu gehört das sensorische Panel, eine Verkostung durch geschulte Prüfer, die null Fehler und eine wahrnehmbare Fruchtigkeit feststellen müssen. Ein Öl mit 0,2 kann trotzdem abgestuft werden, wenn es nach Gärung oder Moder riecht.
Drei echte Ursachen für einen hohen Olivenöl Säuregehalt
Der Säuregehalt ist keine Sorteneigenschaft, keine Stilentscheidung und keine Frage des Bodens. Er ist ein Prozessfehler. Im Wesentlichen gibt es drei Ursachen, und ich kenne alle drei aus eigener Erfahrung.
- Die Olivenfliege. Sticht Bactrocera oleae die Frucht an und frisst die Larve ihre Gänge, öffnet sie Pilzen und Bakterien die Tür. Die Lipasen arbeiten im Fruchtfleisch, während die Olive noch am Baum hängt. Ein Jahr mit starkem Fliegendruck liefert spürbar höhere Werte, selbst wenn am selben Tag geerntet und gemahlen wird.
- Die Ernte vom Boden. Eine heruntergefallene Olive hat bereits Feuchtigkeit gezogen, ist gequetscht und beginnt zu gären. Früher nahm man das in Kauf, heute nicht mehr: Geerntet wird vom Baum, mit Schüttlern oder Rüttelkämmen.
- Das Warten. Jede Stunde, die Oliven aufgeschichtet in der Kiste verbringen, arbeitet gegen Sie. Das Eigengewicht quetscht die unteren Lagen, die Temperatur steigt durch die Zellatmung, die Gärung beginnt. Wir bringen unsere Oliven innerhalb weniger Stunden nach der Ernte unter die Mühle – das hält den Olivenöl Säuregehalt niedriger als jede andere Maßnahme.
Säuregehalt und Peroxidzahl: zwei Werte, zwei Geschichten
Der Säuregehalt allein reicht nicht. Der zweite Schlüsselwert ist die Peroxidzahl, angegeben in Milliäquivalent Aktivsauerstoff pro Kilogramm (mÄq O2/kg). Für natives Olivenöl extra liegt der gesetzliche Grenzwert bei 20.
Die beiden erzählen Unterschiedliches. Der Olivenöl Säuregehalt misst die Hydrolyse, also den Schaden an den Oliven vor und während der Verarbeitung – er verschlechtert sich nach der Abfüllung praktisch nicht mehr. Die Peroxidzahl misst die Oxidation, also wie viel Sauerstoff das Öl bereits angegriffen hat. Dieser Wert steigt mit Licht, Wärme und Luft in der halb leeren Flasche.
Praktisch heißt das: Ein frisches Öl mit 0,2 und Peroxidzahl 6 ist jung und gut gelagert. Dasselbe Öl, zwei Jahre neben dem Herd vergessen, hat immer noch 0,2 – schmeckt aber ranzig. Deshalb steht auf jeder unserer Flaschen der Hinweis auf kühle, dunkle Lagerung, und deshalb ist das Mindesthaltbarkeitsdatum allein kein Frischebeleg.
Welchen Säuregehalt unser Carolea-Öl hat
Auf unseren Hügeln beginnt die Ernte Ende Oktober und läuft durch den November. Wir ernten bei der Farbumstellung, wenn die Frucht von Grün nach Violett wechselt: Dann ist die Ausbeute noch gut und der Polyphenolgehalt am höchsten. Die Oliven kommen in gelochte Kisten, nie in Säcke, und fahren am selben Tag zur Mühle.
Die Extraktion läuft kontinuierlich und kalt: Die Olivenpaste überschreitet beim Malaxieren nie 27 °C. Das ist kein Etikettenschmuck, sondern die Bedingung dafür, dass flüchtige Aromen und phenolische Verbindungen erhalten bleiben. Gelagert wird unter Stickstoff in Edelstahltanks aus AISI 304, lichtgeschützt bis zur Abfüllung. Unsere Analysen liegen beim freien Säuregehalt regelmäßig deutlich unter der gesetzlichen Grenze von 0,8, die Gesamtpolyphenole über 250 mg/kg.
Ich verspreche Ihnen nicht, dass jedes Jahr perfekt ist. Jahrgänge existieren, die Olivenfliege existiert, ein Hagelschauer im Oktober existiert. Was ich garantieren kann, ist die Methode. Wer sie sehen will, findet unser natives Olivenöl extra aus Kalabrien mit Sortenangabe und Erntejahr im Shop.
Was Sie in Deutschland beim Kauf tun können
Ein niedriger Olivenöl Säuregehalt ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Ein industriell raffiniertes, mit Dampf desodoriertes Öl kommt mit einem Wert nahe null aus dem Prozess – chemisch tadellos, sensorisch und ernährungsphysiologisch ein Gespenst: keine Polyphenole, kein Aroma, keine Bitterkeit. Genau das ist bei sehr günstigem Discounter-Olivenöl das eigentliche Risiko, wie auch Untersuchungen der Stiftung Warentest immer wieder zeigen.
Beurteilen Sie deshalb das Gesamtbild. Der Säuregehalt sagt Ihnen, dass die Oliven gesund waren. Die Polyphenole sagen Ihnen, dass antioxidative Substanz vorhanden ist. Das Panel sagt Ihnen, dass keine Fehler vorliegen. Die Herkunft sagt Ihnen, wer für das Produkt geradesteht. Und die eigene Verkostung – ein Teelöffel bei Raumtemperatur – sagt Ihnen, ob es Ihnen schmeckt. Fragen Sie den Erzeuger ruhig nach dem konkreten Wert und dem Analysezertifikat: Wer ernsthaft abfüllt, nennt ihn ohne Zögern.
Häufige Fragen zum Olivenöl Säuregehalt
Wie hoch darf der Säuregehalt bei nativem Olivenöl extra sein?
Das EU-Recht setzt die Obergrenze bei 0,8 Gramm Ölsäure pro 100 Gramm Öl. Oberhalb dieser Schwelle und bis 2,0 gilt das Erzeugnis als natives Olivenöl, über 2,0 als Lampantöl, das ohne Raffination nicht in den Handel darf. 0,8 ist dabei ein Limit, kein Gütesiegel: Ein Betrieb, der gesunde, vom Baum geerntete Oliven noch am selben Tag mahlt, erreicht üblicherweise Werte unter 0,3.
Kann man den Olivenöl Säuregehalt schmecken?
Nein. Freie Fettsäuren sind in den vorkommenden Konzentrationen geruchs- und geschmacklos. Die Schärfe im Rachen, der Hustenreiz und die Bitterkeit eines frischen Öls stammen von Polyphenolen – antioxidativen Verbindungen, die ein Vorzug und kein Mangel sind. Ein mildes und ein kratziges Öl können exakt denselben Säuregehalt haben.
Warum steigt der Säuregehalt eines Olivenöls?
Er steigt, wenn Triglyceride hydrolytisch gespalten werden. Die drei Hauptursachen sind Stiche der Olivenfliege, die Pilzen und Bakterien den Weg bahnen, die Ernte bereits am Boden liegender und gärender Früchte sowie zu lange Wartezeiten zwischen Ernte und Vermahlung. Keine dieser Ursachen hängt von Olivensorte oder Boden ab – ein hoher Olivenöl Säuregehalt ist immer Folge eines Pflanzenschutz- oder Prozessproblems.
Was ist der Unterschied zwischen Säuregehalt und Peroxidzahl?
Der Säuregehalt misst die Hydrolyse und bildet den Zustand der Oliven zum Zeitpunkt der Pressung ab; nach der Abfüllung bleibt er weitgehend stabil. Die Peroxidzahl misst die Oxidation und steigt mit Licht, Wärme und Luftkontakt. Der Grenzwert für natives Olivenöl extra liegt bei 20 mÄq O2/kg. Kurz: Der Säuregehalt erzählt, wie das Öl entstanden ist, die Peroxidzahl, wie es seither gelagert wurde.
Ist ein Öl mit 0,2 immer besser als eines mit 0,5?
Nicht zwangsläufig. Der Wert belegt gesunde Oliven und eine saubere Verarbeitung, sagt aber nichts über Polyphenolgehalt, Aromen, Fruchtigkeit oder Herkunft. Ein industriell raffiniertes und desodoriertes Öl kann nahe null liegen und trotzdem sensorisch und ernährungsphysiologisch wertlos sein. Qualität ergibt sich erst aus der Kombination von Säuregehalt, Peroxidzahl, Phenolgehalt, Panel-Ergebnis und Rückverfolgbarkeit.
Kann ich den Säuregehalt zu Hause messen?
Es gibt kolorimetrische Testkits, die eine grobe Orientierung geben, aber die Labortitration nicht ersetzen. Wenn Sie den Wert wirklich wissen wollen, ist der einfachste Weg, beim Erzeuger das Analysezertifikat anzufordern. Wer sorgfältig abfüllt, lässt es jede Kampagne erstellen und hat keinen Grund, es zurückzuhalten. Vage Antworten oder aus dem Gedächtnis genannte Zahlen ohne Beleg sind ein Warnsignal.
Weiterlesen: Olivenöl testen: Panel-Test und Verkostung zu Hause






0 Kommentare